Neues zu Walter Benjamin
Neue Töne
17. April 2006
Auch zu spät, aber trotzdem sei auf eine Sendung hingewiesen, die am 11. April im Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt wurde:
Die Stockholm New Music orientierte sich 2006 an Begriffen und Vorstellungen des deutschen Philosophen Walter Benjamins, an Denkbildern und Passagen. Sieben Tage lang führte die Musik von Werken des Stillstands und des Todes über komponierte Bewegungen und Übergänge schließlich ins Offene des Experiments.
Zu hören gab es die Benjamin-Oper Shadowtime von Brian Ferneyhough.
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Spiegelwelten
09. April 2006
Über das Restaurant Lapérouse, in dem Maupassant, Hugo, Zola, Dumas und Baudelaire verkehrten und das seit 1896 sein Gesicht nicht verändert hat, schreibt Martina Meister in der Frankfurter Rundschau.
Paris ist die Spiegelstadt, schrieb der Schriftsteller und Philosoph Walter Benjamin, für den Paris die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts war. Dennoch war die Charakterisierung als Spiegelstadt nicht als Kompliment gemeint. Man spürt Benjamins Sätzen bis heute an, dass er dies auch als Bedrohung empfunden haben muss. Es wird ihm, wenn er sein nachdenkliches Gesicht in einer Schaufensterscheibe, in einem Metrofenster, in einem Bistro-Spiegel entdeckte, vorgekommen sein, als stünde das eigene Ich plötzlich im Raum wie ein ungebetener Gast, der eine Verabredung mit einem selbst vortäuscht.
Benjamin beschrieb den
spiegelglatten Asphalt, diegläsernen Verschlägevor den Bistros, diesen sagenhaftenÜberfluss von Scheiben und Spiegeln in den Cafés, die sie weiter machen, heller, spektakulärer. Aus diesem Übermaß an Spiegeln schloss er, dass daraus die Schönheit der Pariserin entsprungen sein muss:Die Frauen sehen sich hier mehr als anderswo.Der Spiegelsaal von Versailles ist das Urmodell dieser mise en scène. Im optischen Labyrinth der Bistros multipliziert sich das tägliche Schauspiel, der Streit, das amouröse Tête-à-Tête, als wäre es ein Kaleidoskop: Wie eine Handvoll bunter Steine genügen ein paar verlorene Gestalten, um eine dichte Menschenmasse abzugeben, die sich zum prächtigen Mosaik fügt, um wenig später in lauter Solitäre auseinander zu fallen.
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Passage ohne Pathos
09. April 2006
1987 wurde das Kammerspiel Passage
des Berliner Schriftstellers Christoph Hein uraufgeführte. Jetzt hat sich Eckehard Mayer, der Dresdner Komponist und musikalische Leiter des Staatsschauspiels, das Stück als Vorlage für seine sechste Oper gewählt.
Das vom Komponisten verfasste Libretto führt ins Jahr 1941. In einem kleinen französischen Dorf am Fuß der Pyrenäen warten sechs jüdische Emigranten auf ihre Flucht nach Spanien. Sie füllen die quälende Wartezeit mit banalen Dingen wie Essen, Trinken und Warten auf die Post und lenken sich mit Schach-Spiel ab. Dazu kommt die Angst, denn die Gestapo hat ihre Fühler bereits in den unbesetzten Teil Frankreichs ausgestreckt.
Leiter der Gruppe ist der jüdische Sinologe Hugo Frankfurter, der am Ende Selbstmord begeht. Eckehard Mayer sagt:
Vorbild für diese Figur ist Walter Benjamin. Der Essayist, Philosoph und Literaturkritiker (1892-1940) wählte auf der Flucht vor den Nazis den Freitod. Ob die Flucht über die Pyrenäen gelingt, bleibt in Mayers Oper offen.
Quelle: Auf der Flucht - Aus einem Stück von Christoph Hein wird eine Oper
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Lisa Fittko, Chicago 2005
09. April 2006
Am 11. März 2005 ist Lisa Fittko in Chicago gestorben.
Lisa Fittko hat Walter Benjamin über die Pyrenäen geführt und später – unter Einsatz ihres Lebens – gemeinsam mit ihrem Mann, weit mehr als hundert anderen Verfolgten die Flucht vor den Nazis ermöglicht. Denn nachdem die Vichy-Regierung mit dem NS-Regime einen Auslieferungsvertrag für alle Emigranten geschlossen hatte, war Südfrankreich zur Menschenfalle geworden. Um wenigstens einige Intellektuelle und Künstler zu retten, hatten in die USA geflohene deutsche Sozialisten das 'Emergency Rescue Committee' gegründet. Über einen alten Schmugglerpfad schleusten sie Schriftsteller, Universitätsprofessoren, Ärzte und viele andere nach Portbou, Spanien. Ende 1941 wird Lisa und Hans Fittko der Aufenthalt in der Grenzregion untersagt. Ihre Flucht nach Kuba gelingt, später sogar, allerdings erst 1948, die Einreise in die USA. In den 50er Jahren bietet ihnen die DDR an, nach Deutschland zurückzukommen: Sie lehnen ab und bleiben in Chicago.
Quelle: Lisa Fittko, Chicago 2000
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Getrud Kolmar
24. Januar 2006
Walter Benjamin hatte das Talent seiner Cousine Gertrud Kolmar schon vor dem zweiten Weltkrieg erkannt. Jetzt kann das Werk Gertrud Kolmars in einer kritischen Ausgaben studiert werden. Wer sich, schreibt Walter Hinck, in dieses dichterische Werk einläßt, in den schlägt es seine Widerhaken.
Und Walter Hinck sieht auch das Unzeitgemäße, den messianischen Gestus, der Dichterin, wenn er feststellt, dass Kolmar Robespierre als Gerechten zeichnet, als
den messianischen Erlöser. Sucht jüdische Sehnsucht nach der Ankunft des Messias hier vielleicht eine Modellfigur in der europäischen Geschichte, die schon Umrisse des Messias vorwegnimmt?
Es fällt uns heute nicht leicht, zu begreifen, wie in dieses Bild Robespierres die Guillotine passen soll, seine Verantwortung nicht nur für die Hinrichtung des französischen Königs, sondern auch so vieler Revolutionsgefährten von einst. Noch unheimlicher geworden sind uns die Fanatiker der Tugend, die Fundamentalisten messianischen Glaubens, die ihr Idealreich über Berge von Leichen errichten wollen. Gertrud Kolmar selbst wurde zum Opfer nationalen und rassischen Erlösungswahns. Blieb ihr dennoch inmitten des Schreckens der Denker Robespierre eine Symbolgestalt des Gerechtigkeitsdenkens?
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Mord oder Selbstmord
16. Januar 2006
Am 26. September 1940 starb Walter Benjamin in Port Bou. Und sein Tod hatte immer etwas Rätselhaftes. Benjamin soll, nach dessen Aussage, Henny Gurland am Morgen seines Todestags den bekannten, seinen Selbstmord ankündigenden Brief an Theodor W. Adorno übergeben haben, dessen Original freilich verschollen ist. Da waren Legenden wie die geheimnisvolle Aktentasche mit einem letzten Manuskript, Zeugen, deren Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen werden konnte. Aber der Selbstmord selbst wurde eigentlich nie in Frage gestellt.
Freitod sagen die einen, der Arzt notiert natürlicher Tod auf dem Totenschein. Oder war es vielleicht Mord? Der argentinische Regisseur David Mauas versucht sich in seinem Dokumentarfilm Wer tötete Walter Benjamin der Frage zu nähern und stellt, wie Bettina Bremme in der taz berichtet, die Selbstmordthese mit philologischer Präzision in Frage.
Der Regisseur David Mauas, argentinisch-jüdischer Abstammung, sprach bei den vierjährigen Recherchen für Wer tötete Walter Benjamin? mit Benjamin-Experten in Deutschland, Spanien, Frankreich und Israel sowie mit Zeitzeugen in Portbou. Mauas begibt sich in das Labyrinth der Geschichte wie eine Mischfigur aus Benjamin'schem Flaneur und zielstrebigem Kriminalisten. Immer wieder fährt seine Kamera die Zugangswege nach Portbou ab, streift rastlos durch die Straßen der Stadt, um unversehens eine Person, eine Fassade, ein Dokument zu erfassen. Beharrlich fragend entlockt Mauas betagten Zeitzeugen aufschlussreiche, von der internationalen Benjamin-Forschung kaum beachtete Details.
In EL PAIS wird die Hotelrechnung Benjamins zu einer schrecklichen Minatur seiner letzten Stunden:
Una factura de hotel a nombre de Benjamin resume los gastos de su trágico paso por Portbou: un total de 166,95 pesetas. Así desgranado: Cuatro días de habitación, cinco gaseosas con limón, cuatro conferencias telefónicas, farmacia, vestir difunto, desinfectar, lavar colchón, blanquear.
Kein Wunder, dass David Mauas, der in Jerusalem Fotografie und Video-Kunst studiert hat, sein Verfahren als ein kriminalistisches versteht: Was mich dann als erstes interessiert hat, war das Potential dieser Geschichte für einen kriminalistischen Film über Benjamin
In einem Beitrag von Gregor Ziolkowski für den Deutschlandfunk erfährt man, wie Mauas den Tatort besichtigt hat: nicht mit der obszönen Identifikation seiner Adepten und auch nicht mit den Augen Benjamins - das hätte ich anmaßend gefunden -, sondern mit meinen Augen. Aber sehr wohl mit den Gedanken bei den Texten Benjamins, die ich gelesen habe. Der Regisseur
befragt die älteren Bewohner des Ortes nach ihren Erinnerungen. Stimmt es, dass die Frau des Besitzers der Pension, in der Benjamin die letzten Stunden seines Lebens verbrachte, mit der Gestapo, die nachweislich Leute in dem Grenzstädtchen hatte, zusammenarbeitete?
Das sagte man, bestätigt dieser Zeuge, es hieß, sie sei eine Zuträgerin, eine Kollaborateurin. Es ist möglich.
Sicher ist, dass Juan Suñer, der Besitzer der Pension, nach dem 2. Weltkrieg nach Venezuela flüchtete, weil Frankreich seine Auslieferung für einen Kriegsverbrecherprozess forderte. Konnte der Arzt, der Benjamins Totenschein ausfertigte, überhaupt am Ort sein? Nach den Zeugenberichten eigentlich nicht, denn Benjamins Tod fiel auf einen Donnerstag, und jeden Donnerstag fuhr der Arzt zu Verwandten nach Figueras. Wie konnte es passieren, dass der Jude Benjamin, obendrein ein Selbstmörder, vom Pfarrer - einem bekannten Kommunistenhasser - auf dem katholischen Friedhof beigesetzt wurde? Warum steht auf dem Totenschein ein anderes Sterbedatum als im Kirchenregister? Warum hat der Amtsrichter in solcher Eile den Toten zur Bestattung freigegeben, ohne die sonst üblichen Formalitäten wie die Suche nach Verwandten wenigstens in Gang zu setzen? Auf Druck von oben - wie er einem der Zeugen später gestanden haben soll?
Diese filmische Recherche kreist um die Frage, ob man wusste, wer dieser Flüchtling war und ob hinter seinem Tod nicht das Zusammenspiel von Gestapo und Franco-Behörden gestanden haben könnte.
So können wir mit Markus Jakob in der NZZ online sehen, wie Geschichte zum Tatort wird:
Auf historische Bilddokumente gänzlich verzichtend, macht Mauas' Film die Atmosphäre im Portbou jener düsteren Zeit dennoch greifbar. Die Figuren des Hotelwirts, des Arztes, des Richters, des Priesters werden anschaulich, ihre Beziehungen zur franquistischen Macht, das Wirken eines ganzen Netzes möglicher Informanten, in dem mit aller Wahrscheinlichkeit ein Verbindungsmann der Gestapo die Fäden zog.
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