Neues zu Walter Benjamin

Spiegelwelten

09. April 2006

Über das Restaurant Lapérouse, in dem Maupassant, Hugo, Zola, Dumas und Baudelaire verkehrten und das seit 1896 sein Gesicht nicht verändert hat, schreibt Martina Meister in der Frankfurter Rundschau.

Paris ist die Spiegelstadt, schrieb der Schriftsteller und Philosoph Walter Benjamin, für den Paris die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts war. Dennoch war die Charakterisierung als Spiegelstadt nicht als Kompliment gemeint. Man spürt Benjamins Sätzen bis heute an, dass er dies auch als Bedrohung empfunden haben muss. Es wird ihm, wenn er sein nachdenkliches Gesicht in einer Schaufensterscheibe, in einem Metrofenster, in einem Bistro-Spiegel entdeckte, vorgekommen sein, als stünde das eigene Ich plötzlich im Raum wie ein ungebetener Gast, der eine Verabredung mit einem selbst vortäuscht.

Benjamin beschrieb den spiegelglatten Asphalt, die gläsernen Verschläge vor den Bistros, diesen sagenhaften Überfluss von Scheiben und Spiegeln in den Cafés, die sie weiter machen, heller, spektakulärer. Aus diesem Übermaß an Spiegeln schloss er, dass daraus die Schönheit der Pariserin entsprungen sein muss: Die Frauen sehen sich hier mehr als anderswo.

Der Spiegelsaal von Versailles ist das Urmodell dieser mise en scène. Im optischen Labyrinth der Bistros multipliziert sich das tägliche Schauspiel, der Streit, das amouröse Tête-à-Tête, als wäre es ein Kaleidoskop: Wie eine Handvoll bunter Steine genügen ein paar verlorene Gestalten, um eine dichte Menschenmasse abzugeben, die sich zum prächtigen Mosaik fügt, um wenig später in lauter Solitäre auseinander zu fallen.

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