Neues zu Walter Benjamin

Mord oder Selbstmord

16. Januar 2006

Am 26. September 1940 starb Walter Benjamin in Port Bou. Und sein Tod hatte immer etwas Rätselhaftes. Benjamin soll, nach dessen Aussage, Henny Gurland am Morgen seines Todestags den bekannten, seinen Selbstmord ankündigenden Brief an Theodor W. Adorno übergeben haben, dessen Original freilich verschollen ist. Da waren Legenden wie die geheimnisvolle Aktentasche mit einem letzten Manuskript, Zeugen, deren Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen werden konnte. Aber der Selbstmord selbst wurde eigentlich nie in Frage gestellt.

Freitod sagen die einen, der Arzt notiert natürlicher Tod auf dem Totenschein. Oder war es vielleicht Mord? Der argentinische Regisseur David Mauas versucht sich in seinem Dokumentarfilm Wer tötete Walter Benjamin der Frage zu nähern und stellt, wie Bettina Bremme in der taz berichtet, die Selbstmordthese mit philologischer Präzision in Frage.

Der Regisseur David Mauas, argentinisch-jüdischer Abstammung, sprach bei den vierjährigen Recherchen für Wer tötete Walter Benjamin? mit Benjamin-Experten in Deutschland, Spanien, Frankreich und Israel sowie mit Zeitzeugen in Portbou. Mauas begibt sich in das Labyrinth der Geschichte wie eine Mischfigur aus Benjamin'schem Flaneur und zielstrebigem Kriminalisten. Immer wieder fährt seine Kamera die Zugangswege nach Portbou ab, streift rastlos durch die Straßen der Stadt, um unversehens eine Person, eine Fassade, ein Dokument zu erfassen. Beharrlich fragend entlockt Mauas betagten Zeitzeugen aufschlussreiche, von der internationalen Benjamin-Forschung kaum beachtete Details.

In EL PAIS wird die Hotelrechnung Benjamins zu einer schrecklichen Minatur seiner letzten Stunden:

Una factura de hotel a nombre de Benjamin resume los gastos de su trágico paso por Portbou: un total de 166,95 pesetas. Así desgranado: Cuatro días de habitación, cinco gaseosas con limón, cuatro conferencias telefónicas, farmacia, vestir difunto, desinfectar, lavar colchón, blanquear.

Kein Wunder, dass David Mauas, der in Jerusalem Fotografie und Video-Kunst studiert hat, sein Verfahren als ein kriminalistisches versteht: Was mich dann als erstes interessiert hat, war das Potential dieser Geschichte für einen kriminalistischen Film über Benjamin

In einem Beitrag von Gregor Ziolkowski für den Deutschlandfunk erfährt man, wie Mauas den Tatort besichtigt hat: nicht mit der obszönen Identifikation seiner Adepten und auch nicht mit den Augen Benjamins - das hätte ich anmaßend gefunden -, sondern mit meinen Augen. Aber sehr wohl mit den Gedanken bei den Texten Benjamins, die ich gelesen habe. Der Regisseur

befragt die älteren Bewohner des Ortes nach ihren Erinnerungen. Stimmt es, dass die Frau des Besitzers der Pension, in der Benjamin die letzten Stunden seines Lebens verbrachte, mit der Gestapo, die nachweislich Leute in dem Grenzstädtchen hatte, zusammenarbeitete?

Das sagte man, bestätigt dieser Zeuge, es hieß, sie sei eine Zuträgerin, eine Kollaborateurin. Es ist möglich.

Sicher ist, dass Juan Suñer, der Besitzer der Pension, nach dem 2. Weltkrieg nach Venezuela flüchtete, weil Frankreich seine Auslieferung für einen Kriegsverbrecherprozess forderte. Konnte der Arzt, der Benjamins Totenschein ausfertigte, überhaupt am Ort sein? Nach den Zeugenberichten eigentlich nicht, denn Benjamins Tod fiel auf einen Donnerstag, und jeden Donnerstag fuhr der Arzt zu Verwandten nach Figueras. Wie konnte es passieren, dass der Jude Benjamin, obendrein ein Selbstmörder, vom Pfarrer - einem bekannten Kommunistenhasser - auf dem katholischen Friedhof beigesetzt wurde? Warum steht auf dem Totenschein ein anderes Sterbedatum als im Kirchenregister? Warum hat der Amtsrichter in solcher Eile den Toten zur Bestattung freigegeben, ohne die sonst üblichen Formalitäten wie die Suche nach Verwandten wenigstens in Gang zu setzen? Auf Druck von oben - wie er einem der Zeugen später gestanden haben soll?

Diese filmische Recherche kreist um die Frage, ob man wusste, wer dieser Flüchtling war und ob hinter seinem Tod nicht das Zusammenspiel von Gestapo und Franco-Behörden gestanden haben könnte.

So können wir mit Markus Jakob in der NZZ online sehen, wie Geschichte zum Tatort wird:

Auf historische Bilddokumente gänzlich verzichtend, macht Mauas' Film die Atmosphäre im Portbou jener düsteren Zeit dennoch greifbar. Die Figuren des Hotelwirts, des Arztes, des Richters, des Priesters werden anschaulich, ihre Beziehungen zur franquistischen Macht, das Wirken eines ganzen Netzes möglicher Informanten, in dem mit aller Wahrscheinlichkeit ein Verbindungsmann der Gestapo die Fäden zog.

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