Notizen zu Walter Benjamin

Morgen ist gestern

29. Juni 2006

In der Welt stellt Hendrik Werner fest, dass die Marketingexperten des Versandhauses Quelle ihren Benjamin gelesen und aus ihm gelernt hätten. Dort nämlich werden Souvenirs verkauft, bevor ihre Zeit gekommen ist - der Weltmeisterrasen, Original-Rasen aus dem Berliner Olympia-Stadion, ist zu haben, bevor der Champion feststeht.

Der Berliner Kulturtheoretiker Walter Benjamin hat einmal im kritischen Vorgriff auf Bill Ramseys Schlager "Souvenirs, Souvenirs" bemerkt, in der verbreiteten Sehnsucht nach Andenken manifestiere sich ein musealer Trieb. Genauer gesagt: das allzu menschliche Begehren, eine aus der Vergangenheit in die Gegenwart gerettete Habe zu inventarisieren und somit vor dem Mahlstrom des Vergessens zu bewahren. Das ist natürlich legitim, wie vor allem Menschen wissen, die just umgezogen sind. Dagegen kann auch der entwurzelte Flüchtling Benjamin nicht viel einzuwenden haben. So kritisiert er denn auch vielmehr jenen kommerziellen Nippes, den der Kunde für Kunst hält. Und dem dieser eine Aura zubilligt, die dem Souvenir gar nicht zukommen kann, weil es nur eine unter zigtausend Reproduktionen ist.

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Ärztestreik

27. April 2006

Knapp sechs Wochen nach Beginn der Streiks an den Universitäts- und Landeskliniken hat die Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) eine massive Verschärfung der Ausstände angekündigt.

... ist ein hervorrgander Fall gewalttätiger Unterlassung, unsittlicher und roher als der politische Generalstreik, verwandt der Blockade, der Streik der Ärzte, wie mehrere deutsche Städte ihn gesehen haben. In ihm zeigt sich aufs abstoßendste skrupellose Gewaltanwendung, die geradezu verworfen ist bei einer Berufsklasse, die jahrelang ohne den leistesten Widerstand 'dem Tod seine Beute gesichert hat', um danach bei der ersten Gelegenheit das Leben aus freien Stücken preiszugeben.

Walter Benjamin: Kritik der Gewalt

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In der Hinterhand

23. April 2006

Eine Ursache dafür, dass es heute so langweilig im akademischen Betrieb zugeht, ist wahrscheinlich, dass niemand an den Universitäten, die längst wieder zu Vermittlern von Schulwissen geworden sind, das von eifrigen Studenten brav prokolliert wird, noch etwas in der Hinterhand hat.

Hartmut, dem es zur Zeit der Studentenbewegung gelang, in jeder Diskussion den Eindruck zu erwecken, daß er noch etwas in der Hinterhand hatte, das die anderen nicht kannten und nicht wußten, was man aber natürlich gelesen haben sollte, wenn man nicht dauern die falschen Bücher lesen würde, las, so Robert Menasse in seinem Roman Die Vertreibung aus der Hölle, auch Walter Benjamin:

Wenn er zum Beispiel Walter Benjamin las, dann nicht die Hauptwerke – deren Inhalt bekam er ohnehin bei den Debatten mit, sondern die entlegenen Aufsätze, mit denen er dann den Nachweis führen konnte, daß alle anderen nichts als ein populäres Bild von Benjamin hatten, und ihn daher nicht wirklich verstanden hätten.

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Nix Deutschland

09. April 2006

Dümmer und ekliger als Du bist Deutschland geht's nimmer - und für die Geistesgegenwart der Blogger spricht, dass diese größte Social Marketing Kampagne in der deutschen Mediengeschichte relativ fix nackt da stand.

Einer fand am 19. November 2005 das Nazi-Foto mit dem Motto Denn Du bist Deutschland in einem längst vergriffenen Buch über die Stadtgeschichte Ludwigshafens. (...) außerhalb der vielen Blogs, einiger Webseiten etwa von TV-Sendern war das historische Foto kaum in Zeitungen zu sehen.

Zufällige Analogie?

Was verbindet diese Zufälle? Vielleicht die Ästhetisierung der Politik, jener zentrale Schlussbegriff des Aufsatzes Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit von Walter Benjamin.

Quelle:Die abgebloggte Vergangenheit - "Du bist Deutschland"

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Rolf H. Krauss zum 75. Geburtstag

09. April 2006

Anlässlich seines 75. Geburtstags im Dezember 2005 schreibt Marc Peschke über die wieder und neu zu entdeckenden Texte zur Fotografie des Stuttgarters Rolf H. Krauss.

Das bedeutendste Thema bei Krauss ist Kunst mit Fotografie - ein Begriff, den er selbst im Jahr 1979 prägte. Es ging ihm um die Neubewertung der Fotografie vom technischen Medium hin zum kulturellen und künstlerischen Phänomen. Eine Neubewertung, die vor allem Walter Benjamin vorweggenommen hatte. Sein Kunstwerk-Aufsatz über die technische Reproduzierbarkeit wurde - 32 Jahre nach seinem ursprünglichen Erscheinen bei Suhrkamp wiederveröffentlicht - zum Urtext dieser Neubewertung.

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Ironie und Kopie

09. April 2006

Martin Zeyn vermutet in seiner Besprechung der kanadischen Künstlergruppe General Idea im Münchener Kunstverein eine Pointe des Kunstwerkaufsatzes, auf die Benjamin selbst noch nicht gekommen sei:

Eine Ironie der Technik, die selbst Walter Benjamin in seinem berühmten Kunstwerkaufsatz nicht erahnen konnte: Das Reproduzierte läuft dem Original den Rang ab.

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