Notizen zu Walter Benjamin
Flaneure
16. Januar 2006
In der TAZ erinnert Detelf Kuhlbrodt unter dem Titel Die Drogentristesse der Steppenwölfe an den 100. Geburtstages von Albert Hofmann und die 70er-Jahre, als seine Erfindung LSD Allgemeingut wurde.
Die Zeit, in der wir als vernunftbegabte Teenager lebten, diese späten Siebziger, waren ja irgendwie depressiv. Alles schien tot oder nur noch der Abglanz von etwas zu sein, das zuvor großartig gewesen war. So stellten wir uns das vor und lebten - die Jungs mehr als die Mädchen - ab sechzehn vor allem in Vergangenheiten. Der der Beatgeneration usw. Ich kenne viele, die sich vollkommen mit bestimmten Kerouac-Helden, mit Allen Ginsberg, mit dem Ich-Erzähler von Junkie oder mit Harry, dem Steppenwolf, oder später auch mit Bertram Vesper und in der Uni natürlich mit Walter Benjamin identifizierten.
Wir lasen total viele Bücher. Das ganze 68er-Zeug, und steigerten uns total in alles rein. Ohne die Vorstellung einer Gegenwelt schien uns alles unerträglich. Und wir literarisierten unser Leben sehr. In diesem Umfeld der Selbstliterarisierung waren Drogen wichtig. Sie waren eine Probe aufs Exempel, dass man's ernst nahm.
Im Tagesspiegel schreibt Kai Müller über das neue Album der Band Architecture in Helsinki. Hier
gerät Popmusik ins Wanken, und etwas Grandioses und Betörendes entsteht aus dem Geist des Flanierens, wie es Walter Benjamin beschrieben hat: als eine dem Müßiggang ergebene Form des Dialogs. Ohne Hast, ohne Mühe und wenn auch nicht planlos, so doch ohne jene funktionale Fixierung, mit der die Popmusik nach Relevanz giert.
In der Vorstellung Benjamins ist der Flaneur Einzelgänger. Als the man in the crowd (Edgar Allan Poe) streift er durch die entfremdeten Kulissen der Großstadt und leistet sich das elitäre Gefühl, auch ohne eine Zuflucht auszukommen. Doch diesen Typus gibt es nicht mehr. Der Flaneur ist nicht mehr allein unterwegs. Er schließt sich Gruppen an, die, sofern sie Musik machen, Bands genannt werden.
Nun hat ja Benjamin den Flaneur, und zwar gerade bei Poe schon als verschwindenen Typus beschrieben; nur im Feuilleton führt er noch ein Geisterdasein. Allerdings Poe zu zitieren, um gleich darauf zu verkennen, dass der Flaneuer gerade nicht allein, sondern in der Menge unterwegs ist, zeigt nur, dass es auf Details hier längst nicht mehr ankommt.
Giorgio Agamben ist seit 1978 Herausgeber der italienischen Ausgabe der Werke Walter Benjamins und hat von ihm gelernt, Quellen affirmativ sprechen zu lassen. Vom extremen Normalzustand ist der Titel des von Katrin Meyer verfassten Essays in der WOZ, in dem sie die Frage beantworten möchte Ist Guantánamo gleich Auschwitz? Was bringen die Vergleiche des italienischen Philosophen Giorgio Agamben? Überall sieht Agamben nur Konzentrationslager - das Lager sei der neue biopolitische nómos der Moderne. Und Meyer will dieses Schwarz in Schwarz politischer Ontologie mit der Benjaminschen Dialektik des Extremen retten:
Denn das Extrem führt nicht nur zur Nivellierung aller Differenzen, sondern kann auch Erkenntnis erschliessen. Agamben folgt darin dem methodischen Ideal, das vor ihm bereits Autoren wie Walter Benjamin und Theodor W. Adorno vertreten haben: Es zeige sich das Wahre im Extrem - oder bescheidener ausgedrückt: Im Extrem entlarve sich die Normalität. Das Extrem kann etwas erfahrbar und denkbar machen, was sich im normalisierenden Diskurs versteckt hält.
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